Ludwig Rauscher mit seiner Frau Christa

Schreinermeister in der vierten Generation

 


Ludwig (geb. 1945) und Christa (geb. 1960) Rauscher bewohnen das „Binderhaus“, ein schönes altes Buchbacher Haus mit vorgeblendetem Fachwerk mit Andreaskreuzen am Quergiebel. Ludwig ist Schreinermeister in der vierten Generation in Buchbach, heute ist er im Ruhestand. Christa liebt ihren Bauerngarten an der Neumarkter Straße, der nach dem Verkauf der Schreinerei nun kleiner ist.


Aus der Häuserliste, die der Buchbacher Heimatforscher Max Wallner 2001 veröffentlicht hat, lässt sich ersehen, dass die Familie Rauscher bereits seit 1878 das Haus Nr. 57 und das Haus Nr. 57 ½ bewohnt, heute ein Anwesen in der Straße Am Hügel.

Ludwig: Ja, das stimmt. Der Urgroßvater [Johann Rauscher], der ist bei seiner Wanderschaft nach Buchbach kemma als Schreinerg’sell, zur Schreinerei Vitzthum. Er hat dann eine 18-Jährige [Walburga, geb. Hauber] geheiratet und ist hier hängenblieben. Da war er 36 Jahre alt. – Als die Mutter es gespannt hat, dass sich da etwas anbahnt, hat sie gleich versucht, ihre Tochter aus dem Nest zu bringen, weil, da waren etliche Kinder da. So hat man halt g’schaut, dass man sie gut untergebracht hat. Und er [der Urgroßvater] hat wohl so ausg’schaut, dass er gut tut.

Walburga Rauscher


Der Hauber war der Schlosser am Ort, gleich hinter der Kirche, genau dort, von wo 1762 der große Brand ausgegangen ist.

Meine Urgroßeltern haben dann auch wieder etliche Kinder g’habt, sieben oder acht, von denen sind viele auf München g’kommen. Mein Urgroßvater hat sich später in Buchbach selbstständig g’macht. Das war in der hinteren Hälfte [dieses Grundstücks], daher die Nummer 57 ½. Dann haben sie das hier dazugekauft, dann waren es 57 und 57 ½, und noch später haben sie den anderen Teil [Am Hügel] dazugekauft. Mein Großvater [Ludwig] hat 1908 oder 1909 die Schreinerei übernommen und dann 1909 geheiratet.

1910 ist dann mein Vater [Ludwig] geboren. Der Großvater hat dann 1912 oder so den Querbau gebaut mit dem Giebel, der so nach Fachwerk ausschaut. In Wirklichkeit ist es aber nur eine Holzblende.

Christa: So etwas hat keiner in Buchbach, nur wir. (lacht)

Und seit wann seid ihr an der Neumarkter Straße?

Ludwig: Das war 1960, da hat es der Vater vom [Bauern Franz Xaver] Kohlmüller g’kauft.


Die Hausnamen eures Hauses am Hügel und an der Neumarkter Straße heißen „Beim Binder“ und „Beim Färber“.

Ludwig: Ja, unsere Werkstatt ist bei uns noch immer „die Farber-Werkstatt“.  Und hier [auf Hausnr. 57], das war der Binder, ein Schäffler, der Schaffel und Fässer g’macht hat.

Ich weiß nicht, wie groß die Schreinerei vom Großvater war, als mein Vater sie übernommen hat. War das schon etwas Größeres? Oder hat es erst der Jung’ erweitert? Vermutlich war es schon mein Großvater. Die haben damals schon, 1910/1912, Schlafzimmer im Voraus gemacht und ausgestellt. So konnten sich die Leut’ das anschauen. Ich glaub, das war irgendwo unten im Markt, groß war es nicht.

Mein Großvater ist gefallen [am 12.4.1918], als der Vater erst sieben oder acht Jahre alt war. Vielleicht weiß ich deshalb so wenig von meinem Großvater ... Aber die Großmutter hat lang gelebt, bis 1944. Sie war eine Stütze für den Vater. – Jedenfalls: Als der Großvater gefallen ist, waren schon drei Kinder da. Die Großmutter hat dann noch einmal geheiratet, einen G’sellen, der in der Schreinerei gearbeitet hat. Das hat aber nicht so gut hingehauen, der hat alles nicht so ganz bewältigt. Und er hat mit dem Alkohol zu tun bekommen. Warum das so war, weiß ich nicht. Er wollte immer mit den anderen Bürgern mithalten. Durch die Heirat mit der Großmutter ist er Bürger ’worden, vielleicht hat er nicht begriffen, dass man, einmal nicht mehr G’sell, genauso oder sogar mehr arbeiten muss, wenn man den Betrieb erhalten will.

Weil es nicht mehr gut gegangen ist, sind dann [der Vater und] die Geschwister nach München zu Tanten g’kommen, die sie aufgenommen haben, fast wie eigene Kinder. – Dann kam die schlechte Zeit, 1929. Da gab es auch in München keine Arbeit mehr. Und zuhause wurde 1931 unser Haus mit der Werkstatt versteigert. So sind mein Vater und sein Bruder Jak doch wieder heim, die Tante Marie ist in München geblieben.

Als es mit der Schreinerei wieder allmählich angelaufen ist, hat mein Vater, noch ganz jung, die Schreinerei übernehmen müssen. Das war 1931. Geld hat er keines gehabt. Da hat ihm dann der [Kaspar] Graf Geld geliehen, so hat es der Vater erzählt, der ist ihm gut g’standen. So konnten sie den Grund mit der Werkstatt wieder zurücksteigern. Die Großmutter lebte ja auch noch auf dem Grundstück. Ich denk es mir so: vielleicht war der Grund deshalb nicht so sehr teuer zum [Zurück-]Steigern. ... Und vielleicht war im Ort auch kein Interesse, dass die Familie weggeht.

Mein Vater hat dann die Schreinerei wieder derhalten können. Aus der zweiten Ehe meiner Großmutter gab es wiederum zwei Buben, für die war praktisch mein Vater der Vater, denn ihr leiblicher Vater ist weggegangen aus Buchbach. Einer der beiden ist Schreiner geworden, er hat bis [19]78 bei uns gearbeitet. Der andere ist an TBC gestorben, das war damals eine Krankheit, an der viele junge Menschen gestorben sind, auch in Buchbach.

Dein Vater hat seinen Vater ja sehr jung verloren. Er konnte ihn also nicht einweisen ins Führen eines Geschäfts, einer Schreinerei.

Ludwig: Das stimmt, es war nicht so wie bei mir, mit einer richtigen Übergabe. Die hat der Vater nicht gehabt. Früher war es auch noch ein bisschen einfacher, denk’ ich mir. Es gab nicht so viel Schreiberei. Wichtig war halt, dass du sauber g’arbeitet hast. Und dass du fleißig warst.

Die Schreinerei zurzeit von Ludwigs Vaters (Gemälde eines Münchner Malers)


Was ist denn ein guter Schreiner, was ein schlechter Schreiner?

Christa: Ein schlechter Schreiner gibt einen schlechten Lehrling. Er (zeigt auf Ludwig) ist ein guter Schreiner!

Ludwig:  


Früher hat man vieles nageln können. Ein anderer aber, der hat nicht genagelt, sondern Zinken gemacht. Es ist ja klar, dass es schneller geht, wenn man es zusammennagelt ..., da kann man billiger arbeiten.

Du hast lange Jahre als Schreiner gearbeitet. Wird denn die Arbeit eines Schreiners geschätzt, wie siehst du das?

Ludwig: Ja, heut’ schon wieder. Heute werden wieder Möbel richtig von Hand g’macht. Etwas anderes sind die Spanplatten, die durch die Maschine laufen. Und auch dabei kann man bestimmte Dinge besser oder schlechter machen. Und man kann so konstruieren, dass etwas durch die Belastung hält, oder man kann es so machen, dass etwas bei Belastung auseinanderbricht. So wie manchmal bei Fabrikschränken.

Christa: Es ist auch ein Unterschied, ob man mit Massivholz arbeitet. Das hält auch länger.

Ludwig: So ab [19]65 und auch noch als ich ein junger Meister war, da musste alles immer schneller fertig werden. Später hat der eine oder andere wieder Wert darauf gelegt, dass etwas vom Schreiner gemacht wird. Wir haben dann Hölzer vom Kunden gezielt ausgeklaubt – wir haben ja gewusst, was daraus werden soll – und wir haben die Hölzer selbst getrocknet.

Wir haben Betten gemacht, Schränk’, eine Zeitlang auch massive Türen und Fenster. Türen haben immer mehr die Fabriken übernommen. Aber gleichzeitig gab es immer mehr Leut’, die sich [vom Schreiner] haben Möbel machen lassen.

Christa: Die Glaserarbeiten bei den Fenstern, die hab’ ich g’macht, und Reparaturen, wenn ein Sprung drin war.

Ludwig: Wir haben immer ein bisschen Glas da g’habt.

Christa (stolz): Ich hab’s sogar schöner g’macht wie die Schreiner selbst, hat er g’sagt. Da hab’ ich mich schon g’freut! Ich hab’s aber ned g’lernt.

Du hast dein Geschäft an Hans Rupprechter übergeben. Wann war das? Und wie kam es dazu?

Ludwig: Der Rupprechter Hans hat die Schreinerei 2010 g’pacht. Er ist ganz fremd nach Buchbach kemma. Er ist mir zug’laufen wia a Christbaum. Er ist ein Tiroler, aus Achenkirch. Er ist mir gleich tatkräftig vor’kommen und er ist schon seit 10 Jahr’ Meister. Wenn’s mit ihm nichts worden wär’, wär’ ich zu Kreishandwerkerschaft ’gangen, die wissen immer jemanden. Dann, nach fünf Jahren, wollt’ er anbauen. Und so ist es ’kommen.

War es nicht hart, nach vier Generationen in der Rauscher-Familie die Schreinerei zu verkaufen?

Ludwig: Mir ist es fast lieber so, dass es ein Fremder ist. Zwischen Vater und Bua ist es ja oft nicht so gut. Aber beim Rupprechter Hans und mir gibt es keine Punkte, wo wir uns reiben täten.

Ludwig, hast du noch Erinnerungen an Erzählungen deines Vaters aus der Kriegszeit?

Ludwig (nach einem kurzen Zögern): Das kann ich ruhig erzählen. Meine Familie waren keine Nazis, die waren nicht einmal in der Partei. Da gab es einmal eine kritische Situation. Es war Fasching, und da haben die beiden Rauscherbuben, der Jak und der Ludwig, das Kriegerdenkmal ausg’spielt. Das war schon etwas grenzwertig, weil ein Kriegerdenkmal spielt man vielleicht besser nicht aus. – Die Nazis hatten ein Kriegerdenkmal aufgestellt, zu Ehren der Gefallenen des letzten Krieges [und dafür den Marienbrunnen am Marktplatz entfernt]. Gemocht haben das viele nicht. Jak und Ludwig haben also ein Schachtelgestell gebastelt für einen Wagen zum Faschingsumzug. Das hat den Nazis am Ort natürlich nicht gepasst. Beim Aufstellen haben die Buben gemerkt, dass sie abhauen müssen. Der Onkel Jak ist ins Holz aussi und einer ist ihm nach, einer in seinem Alter, aber ein überzeugter [Nazi].

Man darf nicht sagen, dass jeder Nazi gleich ein schlechter Mensch war, nur haben halt viele zu spät g’spannt, was läuft. Meinem Vater und seiner Familie haben halt die Sprache der Nazis und ihr Tonfall nicht gefallen – das geht uns ja bei manchen auch so, dass uns der Tonfall nicht gefällt. (lacht)


Auch mit dem jungen Nazi, der [dem Onkel Jak] nachg’laufen ist, das war nach dem Krieg wieder gut. Selbst in dessen Familie war eine, die war kein Nazi. Ihr hat es nicht g’fallen, wie sich ihre Schwestern g’äußert haben. Als später in dieser Familie jemand g’fallen ist, gab ihnen das schon zu denken.

Als der Krieg aus war und die Amerikaner gekommen sind, hat jemand aus jener Familie uns eine Nazi-Uniform gebracht, zum Aufbewahren. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sie bei uns etwas gefunden hätten. Aber die Familie war sich einfach sicher, dass sie bei uns nicht suchen werden. Die Amerikaner sind dann [doch in unser Haus] reingekommen. Das war im Mai. Ich war im März geboren und lag im Bett. In unserem Haus war auch eine Aussiedlerin aus München, sie lag auch im Bett. Der Amerikaner hat uns gesehen und gemeint: „Oh, a hospital!“ und ist er wieder abgezogen.

Noch ein Beispiel: Ein Bruder, der Jak, war im Urlaub daheim. Als er wieder an die Front g’musst hat, an ’n Zug nach Schwindegg, hätt’ er eigentlich mit dem Auto dieser Familie mitfahren können, aber sie haben ihn nicht mitgenommen, weil er kein Nazi war. So ... musste er mit dem Radl nach Schwindegg.

1943: Hochzeit der Eltern


Ich mein, meine Familie ist recht gut durchgekommen [durch die NS-Zeit]. Der Vater hat sich auch etwas sagen trauen. Als der eine [Stief-]Bruder mit der TBC einmal von einem Treffen der Hitlerjugend ziemlich fertig heim’kommen ist – vom Drill oder was die da g’macht haben – da ist der Vater zum Bürgermeister ’gangen, der ein Nazi war, und hat ihm gesagt: „So geht’s nicht!“ Das hat er sich leisten können. So gesehen, wollte wohl niemand, dass der Familie irgendwie ein Schaden geschieht.

Andere sind schon nach Dachau gekommen. So die S.*, die auf der Gemeinde gearbeitet hat und etwas mit Lebensmittelmarken zu tun hatte. Sie war ein brav’s Dirndl, die hat jemanden etwas zukommen lassen. Sie ist auch einmal weggekommen.

So wie der Pfarrer, dessen Kühe überraschend wenig Milch gegeben haben ... Wie war es denn in deiner Jugendzeit, nach der NS-Zeit? Hast du damals noch etwas von Spannungen am Ort zwischen den Familien mitbekommen?

Ludwig: Grad wenn ich an besagte Familie denke: das war hernach erledigt, es war sogar ein supergutes Verhältnis. Wie sie das ausgeredet haben, weiß ich nicht. Damals hat man ja nicht mehr viel dazu sagen brauchen, jeder hat gesehen, dass es falsch gewesen war. ...

Was ich dazu noch sagen will: Auf unserer alten Schützenfahne von 1924 steht aufg’stickt: „Üb Aug’ und Hand’ fürs Vaterland“ – Schützenvereine waren ja zuerst zur Verteidigung da. Schon 1924 waren die Leut’ offenbar wieder so weit, dass sie gedacht haben: „Jetzt packen wir’s noch einmal!“ – Es ist mir lang nicht aufg’fallen, was der Spruch bedeut’t, aber heut’ erkennt man das Gedankengut, das dahintersteht.

Wenden wir uns einer optimistischeren Zeit zu. Wie sind denn deine frühen Erinnerungen an Buchbach, Ludwig?

Ludwig: Hier war eine Kiesstraß’ auffi. Wenn ein [Un-]Wetter war, ist der Vater jedesmal raus mit der Schaufel und hat einen Graben gezogen, schräg, damit das Wasser nicht den Berg runterläuft und alles ausreißt. Davon hab’ ich noch ein Foto.

Kiesstraße vor der alten Schreinerei


In der Nachbarschaft haben wir Fangsti, Suchsti, Räuber & Schandi g’spielt, auch Fußball dahinten, wo heut’ die Autos stehen, da war eine Grasfläche. Auch Awalscheib’n war beliebt, Roafscheiben treib’n [mit Fahrradfelgen], Drachensteigen haben wir gemacht, und bei schlechtem Wetter haben wir gestickt auf Stramin.

Es gab nicht viel Autos, die waren selten. Unser erstes Auto haben wir 1959 bekommen, einen Lloyd Kombi, ein 6-Sitzer. Ein zuverlässiges Auto. Damit waren wir im Zillertal, ohne Sicherheitsgurte. Vier Stunden werden wir schon dorthin gebraucht haben. Beim Heimfahren gab es einen Haken, der Atteler Berg. Da wenn man hat schalten müssen ... Aussteigen mussten wir nie, das ging immer grad noch so, mit Fahrtechnik.

Einmal, am Wachterl [Schwarzbachwacht] drin, Richtung Berchtesgaden, da geht es auch lang steil auffi, eine schöne Steigung. Wir haben uns alle gewundert, warum der Vater nicht auf den ersten Gang runterschaltet. Dabei hatte er den ersten Gang schon längst drin g’habt... 

Rauchers besitzen ein Metallschild, das einen Lloyd Kombi zeigt


Der Vater war schon so, dass er g’sagt hat: „Jetzt fahren wir einmal fort.“ Freitag, Samstag, Sonntag, ins Zillertal, auf Hallstatt am Dachstein. Das war damals eine Weltreise. Übernachtet haben wir oben auf einer Berghütte am Krippenstein, mit einfacher Bergsteigerausrüstung. Später waren wir besser ausgerüstet, mit g’scheite Bergschuh’ und Anorak. Der Cousin ist bei den Jungbergsteigern gewesen, der hat Kletterkurse und so etwas gemacht. Der war am Anfang unser Familienbergführer.

Meine Freizeit früher hat sich ziemlich in den Bergen abgespielt. Nicht jede Woche war ich dort, hab’ mir schon das rechte Wetter ausg’sucht. Und mit der Arbeit musst’ es passen. Ganz viel bin ich mit dem Münchner Cousin in die Berge gegangen, auch von der Mutter ihrer Seite gab es noch einen Cousin, mit dem ich in die Berge bin. Daheim mit ein paar Freunden, mit dem R.  später ein paarmal. Aber eher mit der Familie, ins Zillertal, Stubaital.

Habt ihr zuhause Radio gehört?

Ludwig: Am Mittwoch das Wunschkonzert mit Fred Rauch, Schlager und so, da sind wir schon umag’sitzt, um den Radio. Samstagabend, wenn z’sammg’räumt war, sind wir draußen in der Werkstatt in der Blechbadewanne ’bad’t worden. Das war überall so.


Trotzdem hat die Mutter immer g’sagt: „Mir ist lieber, die Kinder sind herin.“ Es hat ihr nix ausg’macht, wenn’s rundganga is.

Auch beim Nachbarn ..., das war eine Näherei, beim Büchler. Da haben wir hinten an der Eckbank unsere Spiele gemacht, auch wenn die Näherinnen da waren. An der Sattlerei haben wir auch scherzen dürfen, dort wo das Seegras war. Das war ein stärkeres Gras. Das wurde in Zöpfen geliefert. Da gab es eine Drehmaschin’ mit Zähnen, durch die haben wir die Zöpfe gelassen. Das ist dann alles ganz schön geflockt aussi g’kemma. Das hat [der Sattler-Vater] dann wieder ins Kanapee eing’richt’t, gepolstert.

Ich hab’ mich wohl gefühlt daheim, wir haben aber schon parieren müssen. Wir haben schon folgen müssen und anständig sein. Die Mutter war zuhause und hat uns jeden Mittag Essen gekocht. Wir hatten eine sehr schöne Kindheit.

Hast du Erinnerungen an die Schulzeit?

Ludwig: Wir sind halt brav in d’Schul’ gangen. Alles ist so selbstverständlich abgelaufen.

Dann warst du wohl ein guter Schüler?

Ludwig: Ja, eher scho. Meistens 2er, ein paar 1er, ein paar Mal einen 3er. Ich hab’ keine Schwierigkeiten g’habt.

Da fällt mir jetzt grad ein: Für eine Lehrerin, die beim Greimel [an der Hauptstraße] g’wohnt hat, haben wir immer Butter holen müssen beim Bauern, am Samstagnachmittag. ... G’freut hat’s uns ned. Beim Bauern haben sie meine Schwester immer ein wenig’tratzt, immer wieder. Meine Schwester wollt sich mit Worten verteidigen, hat aber zum Stottern ang’fangt: „Wa-, Wa- ...“. Die Bauern haben es so aufg’fasst, als wollt’ sie sich lustig machen. Am andern Tag, Sonntag in der Früh, haben die sich mit dem Vater an der Kirche g’troffen, die waren ganz gut miteinander bekannt. Und dann haben wir am Nachmittag hingehen und uns entschuldigen müssen. Obwohl die es waren, die uns provoziert haben! – Von der Lehrerin haben wir ein Zwanzgerl bekommen fürs Butterholen, aber so genau weiß ich das nimmer. Das war aber nicht so wichtig, weil sie eine nette Frau war.

Klassenfoto von 1965: Ludwig Rauscher steht in der hintersten Reihe, der 7.v.l., rechts: Lehrer Erwin Braun


Für dich war klar, dass du in die Schreinerei deines Vaters einsteigen wirst, oder? Deine Ausbildung hast du in der Schreinerei vom Vater gemacht?

Ludwig: Ja, weil er g’sagt hat: „Lernen tust erst, wennst G’sell bist, als Lehrbua lernst no ned a so.“ Es heißt zwar immer: „Die sollen fort in die Lehr’.“ Ich bin dann später als G’sell in zwei Werkstätten gekommen, nicht so lang, eine für ein halbes Jahr. Das war beim Schuster in Gebensbach. Da hab’ ich dann schon noch ganz schön dazug’lernt. Der hat damals schon, so kann man sagen, einen gehobenen Innenausbau g’macht: dort hat man schon furniert, Einbauschränke gebaut. Bei uns war das noch nicht so gang und gäbe, wir waren eher „Bauernschreiner“. – Die Möbelschreinerei hat mich immer schon interessiert.

Nach den beiden fremden Werkstätten ist der Barras [die Militärzeit] g’kommen, eineinhalb Jahr, danach hab’ ich daheim 1966/67 mit den G’sellen schon mehr oder weniger die Arbeit ausg’macht. Nicht direkt ang’schafft zwar ...

Den Meister hab’ ich in München g’macht, der Kurs war in Mühldorf, Freitagnachmittag und Samstag. Das war 1967, ich war 22 Jahre alt. Nach dem Barras hab’ ich mir denkt: „Den Meister machst gleich, dann hast es hinter dir. Und [19]68 haben wir dann Prüfung gehabt, in der Kerschensteiner Gewerbeschule in der Liebherrstraße in München, gleich beim Isartor. 


...

Und wie habt ihr zwei euch kennengelernt?

Christa: Er hat lang braucht, bis er g’heiratet hat. (lacht)

Ludwig: Ich hab’ immer gedacht, ich lern mal jemanden bei der Landjugend kennen. Aber da war nichts ... vielleicht hat man sich zu fest g’kennt. Bis 22 Jahren bin ich gar nicht viel fort gegangen. Aber auf einmal hab’ ich das Tanzen gern mögen. Und dann bin ich ziemlich regelmäßig zum Tanzen g’gangen. Wir waren auf großen Tanzböden, in Haigerloh, allein oder mit Freunden, in Geisenhausen, wir sind dahin g’fahren, wo eine Kapell’n g’spielt hat, die uns g’fallen hat, und wo viel Platz war. Da haben wir schon Kilometer z’sammbracht ...

Christa: ... ja, beim Tanzen. – Ich komm von Reichertsheim. Zum Tanzen war ich auch oft in Haigerloh, aber da ist der Ludwig immer hinter der Säule g’sitzt, da hab’ ich ihn nie g’sehen.

Ludwig: In Wasserburg auf dem Trachtenball, dort, wo heute Basketball g’spielt wird, da haben wir uns kenneng’lernt. Da sind wir zufällig am selben Tisch z’sammkommen.


Christa: Des is genau da hin (deutet auf Ludwigs Wange und lacht). Und dann hat des passt. Das war meine Aufforderung an ihn. ...

 

 

 

 


1  

... Wenn Sie das vollständige Interview mit Ludwig und Christa Rauscher lesen wollen, dann können Sie das im Buch "Zeitzeugen. Wir erinnern uns", welches der Heimat- und Kulturverein Buchbach 2016 herausgegeben hat.


* Aus datenschutzrechtlichen Gründen sind einige Namen anonymisiert.


Das Zeitzeugengespräch mit Ludwig und Christa Rauscher fand am 11. Oktober 2016 statt.

Technik:
Mikorofonie: Lavaliermikrofon Voicetec VT-501 (Ludwig Rauscher), Sennheiser MKH 416 (Christa Rauscher); Rekorder: Tascam DR100-MKII PCM, wav, 16 bit, Gesamtlänge des O-Tons 1h 35’ 53’’