Franz und Franziska Bauer

Unternehmerehepaar aus Buchbach

 


Franziska Bauer wurde 1947 geboren und ist gelernte Kauffrau, Franz Bauer wurde 1944 geboren und ist Elektromeister. Franziska Bauer ist Geschäftsführerin und Franz Bauer Beiratsvorsitzender bei Bauer Elektroanlagen, dem größten Arbeitgeber in Buchbach.


Herr Bauer, was ist Ihre erste Erinnerung an Buchbach?

Franz Bauer: Die erste tiefgreifende Erinnerung sind sicher die Besatzungsmächte, die Amerikaner, die am Ort waren. Wir sind als 3- und 5-jährige Kinder schon den Jeeps hinterhergelaufen. Beim Kaufhaus Rambold, da habe ich meine ersten Kekse bekommen, die waren in olivfarbenen Dosen: Biscuits und Butterscotch!

Und Ihre Eltern, kamen die ebenfalls aus Buchbach?

Franz Bauer: Mein Vater ist ein gebürtiger Münchner und meine Mutter ist in Velden an der Vils geboren. Der Vater kam früh schon als Kind hierher. Er war Kostkind bei der Firma Vitzthum, seine Mutter, die alleinerziehende Köchin in München war, hatte ihr Kind sehr früh nach Buchbach gegeben. Meine Mutter kam ebenfalls sehr früh nach Buchbach, zur Firma Moser, die damalige Eisenhandlung, und danach zum Herrn Graf. Dort haben sich die beiden getroffen.

Wie kann man sich das Zuhause bei Ihnen während der Nachkriegszeit vorstellen?

Franz Bauer: Ich erinnere mich an das Krenweiberl, das einmal im Jahr kam. Bei ihr wurden die gesamten Gewürze eingekauft, und dann ist fast alles selber produziert worden. ... Freitags gab es immer Fisch, meistens Gelee-Hering, das weiß ich heute noch. Oder Kartoffeln und Brathering. ... Unter der Woche gab es manchmal Fleisch, aber nicht dauernd, und sehr viele Mehlspeisen: Dampfnudeln, Rohrnudeln, Semmelnudeln ... 

Weihnachten bei Familie Bauer in den 1960er Jahren. Das schwarze Instrument an der Wand über dem Vater ist ein Voltmeter, mit dem Bauers auch am Tag sehen konnten, ob Spannung vorhanden war. Dies war in den ersten Jahren ja nicht immer der Fall.

Meine Mutter hat sehr gut gekocht. Ich erinnere mich auch an den Herd, er wurde mit Holz befeuert. Das waren sehr schöne Zeiten. An Weihnachten, wo man heute nicht mehr so vieles selbst macht, hat sie gebacken. Wir vier waren alle eingespannt: die Mutter hat den Teig gemacht, der Vater gab die Plätzchen in den Ofen und wir Kinder, meine Schwester Rosemarie und ich, haben dann die Plätzchen vom Blech geschert und aufgeschichtet. (lacht)

Es gab noch nicht sehr viele Autos damals, vielleicht drei oder vier Autobesitzer, an die ich mich als Junge erinnere. ... Der meiste Verkehr war mit dem Fahrrad.

Der Herr Graf hatte einen alten Opel P4. Mit dem durfte ich mit nach Mühldorf fahren. Damals war die Isentalstraße noch nicht geteert. Man fuhr eine gute Stunde. War man in Mühldorf, war erst einmal Staubklopfen (klopft mit beiden Händen von oben nach unten auf seinen Anzug, lacht), alles war voller Staub. – Das Schönste in Mühldorf: Unter den Bögen [am Stadtplatz] war eine kleine Wurstküche und dort gab es fast immer, wenn ich nach Mühldorf gekommen bin, Wiener Würstl. Das war schon ein Highlight!

Ihr Vater war Gemeinderatsmitglied, auch Zweiter Bürgermeister. Hat er zuhause etwas über seine Gemeindetätigkeit berichtet?

Franz Bauer: Der Altbürgermeister, Herr Straßer, war gesundheitlich schwer angeschlagen. So musste mein Vater dann öfters einspringen und ihn vertreten. Einmal kam Buchbach aus der Oberpfalz hierher zu Besuch. Damals war mein Vater mehr oder weniger der Chef. Da war ein riesiger Empfang, mit Blaskapelle und mit dem Herrn [Polizeiobermeister Franz] Platz als Dirigenten, ein Buchbacher, er kam später nach Mühldorf.

 

 

 

Mehr als 900 Einwohner hatte der Markt Buchbach vor der Gebietsreform sicher nicht. Damals gab es noch keine einzige Siedlung, das kam erst Anfang der [19]70er Jahre.

Ihr Vater hatte schon früh ein Auto?
Franz Bauer: Wir waren ein guter Opel-Kunde. Erst einen Olympia, einen Rekord und einen Kapitän, das größte war dann der Admiral, den durfte ich dann schon fahren. Wir waren immer Opel-Kunde. Und der Opel Scheidl in Mühldorf, das war unser erster
größerer Elektroinstallations-Kunde, wo wir dann ein Gegengeschäft gemacht haben.

 

 

 

 

Der Opel Admiral


Und was fahren Sie heute?
Franz Bauer: Einen Tesla, ich fahr’ elektrisch. Schon drei Jahre lang, ohne Probleme.

Getankt haben wir vor dem Zweiten Weltkrieg bei unser eigenen Esso-Tankstelle, vor der sehr schönen Werkstatt. Herr Graf war [1932] vom oberen Markt auf den Marktplatz gezogen. Gleich links neben dem neuen Haus war die Werkstatt mit dem Einfahrtstor. Dort haben auch die Amerikaner ihre Fahrzeuge gerichtet, selbst mit den Panzern sind sie da reingefahren. Dort gab es eine Abschmiergrube, wo sie ihre Abschmierarbeiten gemacht haben. Sonst gab es weiter keine Werkstatt in Buchbach, wo sie diese Arbeiten verrichten konnten.

Gab es zuhause Radio, Telefon, Fernsehapparat?
Franz Bauer: Telefon war da, schwarz mit Wählscheibe, man musste ewig drehen. Es war, soviel ich weiß, nach dem Krieg schon da. Auch ein Radio der Marke Braun mit Plattenspieler stand in der Küche.

Der Fernseher kam relativ spät. Die ersten Fernsehgeräte hatte der Herr [Theo] de Witt, ein Versicherungsagent. Dort haben wir 1954 die Weltmeisterschaft verfolgt, in einem Zimmer mit 4 x 4 Quadratmetern, ungefähr 50 Leute. Die meisten haben vom Fenster reingeschaut, ich auch. Nachdem ich wenig gesehen habe, bin ich in der Halbzeit vom Endspiel nach Hause, und habe auf unserem Braun-Radio die zweite Halbzeit verfolgt. Mit [Radioreporter Herbert] Zimmermann, das war wirklich original. (lacht)

Wir haben, glaube ich, 1958 den ersten Fernseher bekommen. Das war ein Philips, mit einer 40-Zentimeter-Bildröhre, maximal.

Gibt es Erinnerungen an die Freizeit?
Franz Bauer: Sportlich gab es an erster Stelle natürlich den Fußball, es gab weder Tennis noch andere Sportarten. 

Beim Weidner waren es recht große Burschen, die eine Schar um sich gesammelt hatten. Und genauso beim Greimel Heinz, bei dem ich in der Gruppe war. Jeder hat versucht, sich mit seiner Gefolgschaft zu behaupten.

Franziska Bauer: Aber um was habt ihr denn gekämpft?

Franz Bauer: Es ging um die Vorherrschaft in Buchbach, die wurde ausgerungen (lacht). Es war besser, wenn man in einer Gruppe unterwegs war. Ich war meistens der Kleinste, die anderen waren drei oder vier Jahre älter, und ich war der Nachläufer.

Im Bräuwald oben [hinter Kindlbuch] haben wir eine Tarzan-Burg gebaut. Dort sind wunderschöne Eichen gestanden, leider sind sie heute nicht mehr da. Wir hatten am Waldrand ein richtig schönes Baumhaus, mit Lianen, die wir hochziehen konnten, so dass kein anderer rauf kam. Das haben wir fest verteidigt. So waren unsere Spiele. – Das waren wirklich schöne Augenblicke, wir hatten die Burg richtig ausgebaut. Jeden Tag war’s gleich: heim von der Schule, den Schulranzen hinter gestellt und weg. Meine Hausaufgaben hab ich immer erst am nächsten Tag vor der Schule gemacht. Ich kann mich nicht mehr erinnern, dass ich irgendwann nachmittags Hausaufgaben gemacht hätte.

Die Eltern waren viel beschäftigt. Am Wochenende sind wir, wenn es die Zeit erlaubt hat, auch in den Bräuwald hoch gegangen, mit Decke und dem Grammolo, so nannten wir Kinder unser Koffer-Grammophon. Dort haben wir Musik gehört, [von den deutschen Schlagersängern] Rudi Schuricke oder René Carol, all die alten Lieder, auch der Freddy [Quinn] war damals, glaube ich, schon aktiv. Ich habe die ganzen Schallplatten noch hier. Das waren schöne Nachmittage. Die gab es aber nicht so oft, denn meistens waren meine Eltern auch am Wochenende im Büro und haben gearbeitet.

Ab und zu sind wir auch mit dem Auto weggefahren. Die weiteste Reise ging an den Bodensee, nach Lindau. Das waren über 300 Kilometer, wir waren den ganzen Tag unterwegs, an einem Tag hin und zurück, denn mein Vater wollte abends immer zuhause sein. – Einmal waren wir in Italien, da war mein Vater sehr unruhig. Drei Tage Italien, das war für ihn der Horror (lacht). Er war einfach gern zuhause. Ab und zu Berchtesgaden, Reichenhall, in diese Region. Diese Woche erst war ein Bericht über das Kehlsteinhaus im Fernsehen, da waren wir auch. Im Fernsehen hab ich genau den Stein gesehen, den ich damals schon fotografiert habe, mit meinen Eltern oben. – Wir waren auch öfters im Bayerischen Wald und an der Donau.

Haben Sie Erinnerungen an Ihre Lehrer?
Franz Bauer: Am Anfang waren es junge Lehrer, die haben immer wieder gewechselt, zum Beispiel die Frau [Brunhilde] Petlan. Ich erinnere mich gut an die Frau [Emma] Schmidinger, sie war sehr schlagkräftig. Sie hatte an der Hand einen Ring, der war sehr scharfkantig. Mit dem ist sie – (macht eine Bewegung an seiner Wange entlang). Wir hatten sie bis zur vierten Klasse. Danach kam der Rektor H*, ..., den hatten wir in der fünften und sechsten Klasse.

Da waren wir noch herunten, dort, wo jetzt die Sparkasse ist. Im ersten Stock waren die fünfte und sechste Klasse gemeinsam. Vis-à-vis war der Hufschmied, da hatten wir jeden Tag in der Früh schon den Klang von Eisen im Ohr. Der Rektor war auch, wenn wir Buben es wieder zu arg trieben, von der schlagenden Sorte, aber er machte es mit dem Geigenbogen, so dass er fast jede Woche eine neue Bespannung für den Geigenbogen benötigt hat.

Franziska Bauer: Das waren wahrscheinlich Lausbuben. Das kenne ich auch, aber nicht so schlagkräftig. (beide lachen) Bei mir war das nicht mehr so.

Franz Bauer: Die siebte und achte Klasse war dann oben im Neubau in der Mauth. Da hatten wir dann den Hauptlehrer. Er war sehr streng, da durfte man sich nicht viel erlauben.

Sie hatten offenbar überwiegend strenge Lehrer ...
Franziska Bauer: Damals hatten die Lehrer noch mehr Rechte. Und die Eltern waren froh darum.

Franz Bauer: Dort gab es ... einen Kanonenofen, der hat im Winter oft gestreikt. Dann durften wir einen Spaziergang machen. Das war immer das Schönste im Winter. (lacht)

Und jetzt kommt eine ganz besondere Geschichte: Herr Kaspar Graf hat Sie als Erben eingesetzt. Wie kam das?
Franz Bauer: Ich war damals der einzige Bub im Haus. Meine Schwester Rosemarie ist drei Jahre jünger.

Als die Amerikaner da waren, hatten sie einen Teil des Hauses besetzt. Herr Graf durfte vorne [im Haupthaus] schlafen. Mein Vater, meine Mutter und wir zwei Kinder waren oberhalb der [Graf ’schen] Werkstatt in einem Zimmer untergebracht, 5 x 6 Quadratmeter. Da haben wir geschlafen und gewohnt: Doppelbett für meine Eltern und zwei Kinderbetten für meine Schwester und mich. Wir konnten über eine separate Treppe hinaufgehen, das war unser Reich, mit Vorraum und einem Regal, sowie einem kleinen Werkstattbereich. Wir sind erst nach dem Tod von Herrn Graf vor ins Haupthaus gezogen.

Als die Amerikaner abgezogen sind, sind Flüchtlinge reingekommen, eine Frau Brückner, eine Frau [Sieglinde] Hafner, die spätere Frau Zierl [später eine langjährige Mitarbeiterin in der Gemeindeverwaltung]. 

Abends als Schulkind, das weiß ich auch noch gut, wenn mein Vater oft bis spät unterwegs war und spät abends erst heimgekommen ist, da hat man im Schlafbereich auf einem Tisch mit einem Elektrokocher ab und zu Spiegeleier in der Nacht gebraten, um zehn Uhr, elf Uhr. Das war für uns Kinder natürlich der höchste Genuss.

Franziska Bauer: Nach dem Krieg hat es wenig gegeben, da waren das schon Besonderheiten.

Einmal waren Freunde da, der T. und der G., und wir haben ihn auch wieder geärgert. Er uns nach, vom Erdgeschoss rauf in den ersten Stock, dort gab es eine ganz kleine Toilette. Wir sind zur Tür rein und zum Fenster, das war ganz schmal und hoch, wieder raus auf den Balkon und hinten rum wieder über die Balkontür rein. Herr Graf ist mir nach, in die Toilette, ich raus zum Fenster. Und bis er sich umgedreht hatte, war ich hinter ihm schon wieder weg. (lacht)

Franziska Bauer: Dieses Talent hat er heute immer noch. Er findet immer etwas für einen Spaß, so dass man lachen kann.

Wie muss man sich denn das Geschäft von Herrn Graf vorstellen, zu der Zeit als Ihr Vater dort angestellt war? Und was genau hat Ihr Vater gemacht?
Franz Bauer: Herr Graf war Schlossermeister. Mein Vater war für die Elektroarbeiten zuständig. Man hat Kleinreparaturen gemacht – Sicherungen ausgewechselt oder Glühlampen, Kleininstallationen. Das waren lauter alte Objekte, Neubauten gab es damals ja keine.

Nach dem Krieg war das hauptsächliche Problem die Energieversorgung. Die lag überall am Boden, nur schlechtes Leitungsmaterial, die meisten Isolatoren waren aus Glas, es hat laufend Störungen gegeben. So war mein Vater fast immer unterwegs, sehr viel in der Landwirtschaft, weil gerade da die meisten Störungen waren.

Franziska Bauer: Was vielleicht auch interessant ist: Der Herr Graf hatte schon immer diese Zukunftsvisionen, ob es um Autos ging oder anderes, was man noch heute als innovativ bezeichnen würde. Die Stromversorgung [in Buchbach] hatte er mit eigenen Geldmitteln aufgebaut. Er war zwar auf der Suche nach weiteren [Interessenten] – das weiß ich auch von meinem Vater und von meinem Großvater, bei dem war er auch. Aber damals ging das alles nicht so schnell. Da war man zögerlich. So hat er nicht mehr Geld zusammengebracht, und so hat er nur rund um Buchbach die Stromversorgung aufbauen können, aus eigenen Mitteln. Damals waren die Leute einfach nicht bereit, für so etwas Geld zu geben.

Franz Bauer: Er war Schwabe, ein recht gemütlicher Mann. Er war viel in der Öffentlichkeit, war jeden Tag in einer anderen Wirtschaft ... Dadurch war er sehr bekannt und hat viele Freunde gewonnen.

Franziska Bauer: Man ist damals jeden Tag in die Wirtschaft, hat dort über Politik, über Geschäft liches gesprochen. ... Es gab ja keinen Fernseher oder sonstige Unterhaltungsmöglichkeiten. So war das Leben eigentlich wesentlich wertvoller, ruhiger.

Die Frauen waren damals noch zuhause, hatten den Haushalt zu führen. Politisches und anderes [Geschäft liches] war immer Männersache. Die Frauen konnten zwar, so denk ich das, die Männer Kaspar Graf animieren zu etwas. Aber der Mann ist vorne gestanden (lacht). Teilweise ist es ja heute auch noch so.

Franz Bauer: Die Männer hatten jeden Tag „Gschoischaftstag“, so sagt man auf bayrisch. Sie waren jeden Tag in einem anderen Wirtshaus, beim Kartenspielen, beim Unterhalten und natürlich beim Trinken und Rauchen.

Kaspar Graf

Wir hatten neun Wirtschaften in den [19]50er Jahren: beim Falken, vis-à-vis beim Leiderer, beim Hampl, im ehemaligen Sailstorfer-Haus, in der Post, beim Thalmeier, beim Greimel – das war mehr ein Café – und zwei Wirtschaften in Steeg, beim Rampl und beim Bürger.

Franziska Bauer: Und alle hatten [ausreichend] zu leben, obwohl damals doch weniger Leute in Buchbach gelebt haben als heut’.

Franz Bauer: Die Männer sind öfters sehr spät heim gegangen. Da hat die Mutter einmal recht geschimpft. Die Männer waren wieder unterwegs gewesen und hatten vermutlich zu viel getrunken. Mein Vater und der Herr H. sind dann beide gestolpert und haben sich den
Kopf blutig geschlagen.

Woher kam denn Ihre Begeisterung für die Elektrotechnik?
Franz Bauer: Ich war als Knabe sehr viel mit meinem Vater unterwegs. Außen, wenn Freileitungen gebaut wurden, das war für mich immer das Schönste, an der Luft und in der Natur zu sein. Alles wurde noch in Handarbeit gemacht, mit der Schaufel die Löcher gegraben, stufenweise verfüllt und mit dem Stamper verdichtet Da war ich sehr viel unterwegs, das hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Schon als Schulbub waren Sie mit Ihrem Vater unterwegs?
Franz Bauer: Jaja.

Franziska Bauer:

Das war schon wertvoll. 

Franz Bauer: Wir hatten sehr viele Stromausfälle. Mein Vater war ja handwerklich sehr geschickt, er hat vieles selbst gemacht, auch die Aggregate, die wir im Museum haben sind von ihm. 


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Oftmals ist am Sonntag der Strom weggewesen, meistens, wenn das Kino gelaufen ist. Damals war das Kino in der alten Turnhalle oben ... 

Ich erinnere mich: ich bin noch zur Schule gegangen, da war wieder einmal am Sonntag der Strom weg. Die Eltern waren nicht da, ich war ganz alleine. In der Werkstatt wollte ich das Aggregat anwerfen, aber es ging nicht. Zum Glück war der Nachbar da, der es in Betrieb gebracht hat. Ich habe dann nach der Ursache gesucht, warum der Strom weg war. Mit dem Moped oder dem Fahrrad, das weiß ich nicht mehr genau, bin ich nach Solling, zur Übergabestation. Und da war eine 20 kV-Sicherung defekt. Ich habe dann den Schalter gezogen, die Sicherung – das waren so Pertinax-Röhren – repariert, wieder eingeschaltet, und es ist wieder gegangen.

Hut ab!
Franz Bauer: Das war halt meine elektrische Erfahrung. 

Wie hat denn der Herr Graf reagiert, als er merkte, dass Sie sich wirklich für die Elektrizität interessieren?
Franz Bauer: Damals gab es das wahrscheinlich noch gar nicht. Ich war ja erst acht Jahre alt, da ist er gestorben. Ich weiß den Tag noch genau. Ich war selbst krank, lag unten in der Küche auf der Ottomane. Der Herr Graf war nicht gekommen zum Frühstück. Auf einmal sagt die Mutter: „Wir müssen den Doktor holen. Der Herr Graf ist gar nicht gut beieinand.“ Am Nachmittag ist er dann verstorben. – Den ersten Tag konnte ich gar nicht raufgehen [zu ihm ins Schlafzimmer], ich hab das gar nicht begreifen können. Er bedeutete mir viel, mehr als ein Opa. Wir waren beim Essen immer beieinander. Und dann war er auf einmal nicht mehr da. Den Tag habe ich heute noch vor Augen, das werde ich nie vergessen.


Dann war es für Sie eigentlich vorgegeben, dass Sie irgendwann in die Elektrobranche einsteigen, als Erbe des Graf ’schen Geschäfts.
Franz Bauer: Nicht direkt. Ich habe zunächst acht Jahre Volksschule [heute würde man sagen: Grund- und Mittelschule] gemacht. Dann ist meinen Eltern eingefallen, dass ich auch eine höhere Schule besuchen könnte, da war ich schon in der 8. Klasse. Wir haben geschaut, wo so etwas gehen könnte. In Waldkraiburg hatte eine Realschule eröffnet, [aber] alles war schon besetzt. Das Gymnasium in Mühldorf ging auch nicht mehr. Irgendwie kam ich dann nach Wasserburg, hab die dreijährige Mittelschule [die damalige Realschule] als Internatsschüler dort gemacht und hab anschließend bei den Stadtwerken Mühldorf meine Lehre als Starkstrom-Elektriker begonnen. Da habe ich mich dann schon in diese Richtung begeben. Die Lehrzeit habe ich gut rumgebracht, das war eine schöne Zeit, ich habe viel gelernt. 

Parallel zur Lehrzeit habe ich jeden Samstag einen Aufbaukurs bei der Fa. Wöhrle in München gemacht, da ich ja auf das Oskar-von-Miller-Polytechnikum in München gehen wollte. Die Aufnahmeprüfung zum Polytechnikum hatte ich gerade gemacht, aber – wie das Leben halt so spielt – hat mein Vater einen Herzinfarkt bekommen, er war 55 Jahre. Er war ein starker Raucher ... Und da bin ich nach bestandener Gesellenprüfung zuhause geblieben und nicht mehr weggekommen (lacht). Der nächste Schritt war dann die Meisterprüfung. Schon als Geselle fuhr ich mit meinem Onkel Schorsch, welcher bei uns arbeitete, aber in München wohnte, zum Vorbereitungskurs für die Meisterprüfung beim Benedikt Gruber – „Sieben Formeln genügen“ – ins Deutsche Museum nach München. Im Jahr 1967 habe ich dann als einer der jüngsten Meister die Prüfung bestanden.

So habe ich keinen Wert mehr auf einen Titel gelegt.

Schon vor der Meisterprüfung habe ich dann meine spätere Frau kennengelernt. Da war dann alles andere zweitrangig.


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Franziska Bauer: Natürlich sind eine gute Schulbildung und Ausbildung wichtig. Genauso wichtig ist es aber auch, dass sich die Menschen danach im Beruf entwickeln, egal welche Titel sie haben oder auch nicht. ... Es ist schon so, dass man heute mehr auf eine längere Schulbildung setzt, das machen wir auch so bei unseren Kindern und bei den Enkeln. Das war früher nicht ganz so wichtig. Gerade bei uns beiden, denke ich, war es wichtig, dass man sich im Leben engagiert. Sicher, da macht man auch mal Fehler, vielleicht haben wir früher mehr gemacht. Aber gut, dafür muss man einstehen, und dann auch wieder rauskommen. Das muss man schaffen und den nötigen Ehrgeiz dafür haben.

Frau Bauer, kommen Sie denn auch aus Buchbach?

Franziska Bauer: Nein. Ich bin mit einem Bruder aufgewachsen in einem landwirtschaftlichen Anwesen, in Dötzkirchen bei Besenbuchbach, drei Kilometer weg. 

Meine Kinderzeit in diesem landwirtschaftlichen Anwesen war sehr prägend für mich. Wir sind aufgewachsen ... und durften schon etwas mitarbeiten. Aber für uns war das Freizeit, wir waren einfach immer dabei.

Wenn der Vater mit den Knechten zum Beispiel mit dem Schlitten in den Wald gefahren ist – damals hat es ja noch mehr Schnee gehabt – durften wir unseren kleinen Schlitten hinten anhängen, an den großen mit den Pferden . Da ist dann waldgearbeitet worden.
Das war schön. ... Wir waren dabei. Immer!

Erinnern kann ich mich auch an viele Feiern. Früher ist eher der Namenstag gefeiert worden, weniger der Geburtstag. Mein Bruder hatte ja fast gleichzeitig Namenstag als ich, die Namenstage Franziska und Josef sind ja recht nah beisammen. Da haben wir uns immer überlegt, wer wohl wie viele Schokoladentafeln bekommt. Wir hatten dann gemeinsam vielleicht fünf oder zehn, und die mussten dann das ganze Jahr über reichen, bis wieder Schokolad’ kam.

Es gab ja nicht vieles. Die Eigenversorgung im landwirtschaftlichen Anwesen war ohnehin gegeben. Und wenn man dann vom Metzger Wiener Würstchen bekommen hat, dann war das eine Besonderheit am Sonntagnachmittag! – Uns hat es aber an nichts gefehlt. Wir hatten ein gutes Leben.

In Buchbach bin ich in die Volksschule am Marktplatz gegangen. ... Hauptsächlich kann ich mich erinnern an den Herrn Rabenseifner. Der Herr Rabenseifner war sehr einfühlsam für die einzelnen Kinder, er konnte sehr gut mit Kindern umgehen. Wir Mädchen waren vielleicht nicht so wild wie die Burschen, aber mal nachsitzen mussten wir auch, wenn wir zu laut waren oder geratscht hatten.

An was ich mich noch gut erinnere, ist ein Schüler aus Seidlthal, der immer barfuß in die Schule kam. Immer. Es konnte noch so kalt sein, er kam barfuß. – Auch auf landwirtschaftlichen Anwesen musste zu der Zeit gespart werden, wobei ich glaube, der Bub wollte uns nur zeigen, wie abgehärtet er ist ...

Franz Bauer: Die Socken hat man noch selber gestrickt, die Pullover, alles. Das hat die Mutter gemacht.

Franziska Bauer: Meine Eltern hatten erst später ein Auto. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit Bekannten nach München fahren durfte, als Oktoberfest war. Und ansonsten einmal im Jahr in die Berg’, aber sonst? Für mich war das immer etwas Besonderes. – Meine Tante hatte hier die Bäckerei Greimel. Meine Kusine war zwei, drei Jahre älter als ich. Im Café war das jugendliche Leben. Wenn ich zu ihnen durfte, das war für mich auch schön.

Der Buchbacher Badeweiher in den 1930er Jahren, die junge Frau am Ufer ist die Muttter von Franz Bauer

 

Der Mai Hans war streng und hat darauf geachtet, dass Buben und Mädchen nicht zu früh zusammenkommen.

Franz Bauer: Hinten war der Badeweiher, vorne der Waschweiher, der „Bloachweiha“. Der ist heute zugefüllt und ein Parkplatz. Der Badeweiher war getrennt für Kinder, Buben und Mädchen, und für Erwachsene. Die Umkleiden waren Holzwände, oben offen. Auf der eine Seite haben sich Buben umgezogen, auf der anderen die Mädchen.

Zu Ihren Mikrofonen, Herr Prockl, fällt mir ein, dass ich noch Aufnahmen habe aus der alten Turnhalle: von Weihnachtsfeiern, von  Bällen. Ich hatte damals schon ein transportables Philips-Tonbandgerät. Da gibt es sehr viele Aufnahmen von dem Geschehen da oben.

Ich habe auch sehr früh fotografiert, habe mit einer Blackbox angefangen, die ich am Volksfest gewonnen hab’. Als die Kinder gekommen sind, habe ich in den 1960er Jahren mit Super 8-Filmen begonnen. Da habe ich ungefähr 70 bis 80 Kilometer Film, auch von Veranstaltungen, zum Beispiel dem Empfang von Pfarrer [Otto] Steinberger in Ranoldsberg und Buchbach ... Ich komme einfach nicht zum Archivieren, das ist so viel Material, Dias, Fotos, ich versuche es immer wieder, vor allem im Winter, aber ...

Das müssen Sie aber unbedingt machen, das geht sonst verloren!
Franziska Bauer: Ja, das denke ich auch. Unsere Kinder oder Enkelkinder haben ja noch keinen Bezug dazu. Das wird wahrscheinlich alles einmal weggeworfen. Man müsste diese Sachen wirklich archivieren.

Franz Bauer: Erst neulich habe ich wieder 5000 Fotografien digitalisieren lassen, aber es sind noch immer so viele ...


Wann haben Sie eigentlich geheiratet und wie sah Buchbach damals aus?
Franziska Bauer: Wir haben 1968 geheiratet. Die Siedlungen gab es damals alle noch nicht.

Franz Bauer: Vom Abbruch des alten Haag-Hauses habe ich eine Zeitrafferaufnahme, über Wochen erstellt (lacht). Als wir geheiratet haben, gab es noch wenig Bautätigkeit.

Franziska Bauer: In der Nähe des Sportplatzes, doch, da gab es schon drei Häuser, an der Jahnstraße links rauf, daran kann ich mich erinnern. Die weitere Sportplatzsiedlung kam später, da waren wir schon verheiratet.

Franz Bauer: Anfang der [19]60er Jahre ist der Sportplatz erstellt worden, größtenteils von den Pionieren der Bundeswehr, die erste größere Geschichte. Dabei ist die Jahnstraße entstanden. Anfang der 70er Jahre sind dann die Ziegler-Siedlung [Siedlung Buchbach-Süd] und der Ziegelstadel entstanden. Danach kam die Sportplatzsiedlung. Die älteste Siedlung
ist die Richter-Siedlung.

Gab es in Buchbach eine Wirtschaftswunderzeit?
Franz Bauer: Der Beginn der Uher-Werke war vielleicht einer der größten Booms, das hat schon einiges für Buchbach und seine Einwohner bewirkt. – Wir haben eine Luftbildaufnahme aus den 50er Jahren, da sieht man, wie groß Buchbach damals war.


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In der alten Turnhalle begannen die Uher-Werke in den 1960er Jahren ihre Produktion. Wie sah es denn damals dort aus?
Franz Bauer: Unten waren die Umkleiden für die Fußballer. Und am Wochenende waren die Kinoauff ührungen darin. Alles hat sich in der Halle abgespielt. Da sieht man noch heute einen Vorbau mit Eisenstützen, da stand der Projektor. Die Filme hat der Herr Taufer mitgebracht, er kam aus Garching an der Alz.

Ein historischer Ort in Buchbach ...
Franz Bauer: Jetzt ist er leider sehr verwahrlost.

Franziska Bauer: Dabei fällt mir noch etwas ein, zum Vertrieb, zum Bekanntmachen einer Marke. Ich war damals in der zweiten oder dritten Klasse. Da gab es in der Schule Flugblätter für eine Einladung zu einem Vortrag in der Turnhalle: die Firma Maggi sollte dort ihre Maggi-Suppen zeigen. Wir Schulkinder durften dann dorthin, zum Vortrag. Im Plastikbecher gab es dann die Maggi-Suppe. Und die war so gut! Und schon hatte die Firma Maggi, über die Kinder, die ganze Bevölkerung am Wickel. Das war die beste Marketingmaßnahme, die sie machen konnten! Und sie durften das damals.

Franz Bauer: Ich war damals schon in der Hauptschule. Auch wir sind geschlossen zur Turnhalle hinauf und haben eine Maggi-Suppe probiert. ... 

... Wenn Sie das vollständige Interview mit Franz und Franziska Bauer lesen wollen, dann können Sie das im Buch "Zeitzeugen. Wir erinnern uns", welches der Heimat- und Kulturverein Buchbach 2016 herausgegeben hat.


* Aus datenschutzrechtlichen Gründen sind einige Namen nicht angegeben.



(v.l.n.r.) Hans Prockl, Marieberthe Hoffmann-Falk, Franziska Bauern, Franz Bauer


Das Zeitzeugengespräch mit Bauers fand am 25. August 2016 statt.

Technik:
Mikrofonie AKG C451C Richtrohr CK8, Sennheiser MKH 416; Rekorder Tascam DR100-MKII PCM; 16 bit; wav