Erhard und Uschi Rabenseifner

Rektor i. R. und Religionslehrerin

 

Uschi und Erhard Rabenseifner (August 2016)


Erhard Rabenseifner kam 1947 zur Welt und ist heute Rektor in Ruhestand. Uschi Rabenseifner ist 1963 geboren und beschreibt sich selbst als Hausfrau, Mutter und Religionslehrerin in Teilzeit.


Erhard, wo bist du auf die Welt gekommen?

Erhard: Ich bin per Zufall in München geboren. Da bin ich stolz drauf, immer noch. Das kam so: Meine Mutter war Heimatvertriebene aus dem Sudetenland, und sie war in der Oberpfalz im Lager. Mein Vater war Soldat und in englischer Kriegsgefangenschaft in Holstein. Als sich abgezeichnet hat, dass die Sudetendeutschen zum Großteil in den süddeutschen Raum kommen, hat er sich nach München entlassen lassen. – Und da bin dann ich entstanden.

Mein Vater hat in München zunächst auf dem Bau gearbeitet. Auf meiner Geburtsurkunde steht er als Bauhilfsarbeiter. Später hat er dann eine Anstellung als Lehrer im Landkreis Mühldorf bekommen [Hermann Rabenseifner war ausgebildeter Lehrer], das war in Gumattenkirchen. Dort haben wir ungefähr drei Jahre gelebt, in einer sehr beengten Wohnung.

Über den Schulrat erfuhr mein Vater, dass in Buchbach eine größere Lehrerdienstwohnung frei würde, denn Lehrerin [Maria] Ursprung sollte in Rente. Aber, so war der Rat, er soll nicht hingehen und sie erschrecken. Mein Vater ist trotzdem gleich mit dem Rad hingefahren, hat sich aber nicht zu erkennen gegeben. Er hat sich damals Buchbach angeschaut. 1950 sind wir dann nach Buchbach gezogen.

Das Haus mit den Gemeindeverwaltungen Buchbach und Felizenzell, in dem im 1. Stock die Lehrerwohnung war, welche Rabenseifners 1950 bezogen (Foto: Sepp Boschetto).


An der früheren Lehrerwohnung haben wir einen schmalen Garten gehabt. Unsere Wohnung war in dem vorderen Teil des Hauses, dort, wo heut’ das Rathaus steht. Da war unten links die Gemeinde[verwaltung] Buchbach und rechts daneben die Gemeinde[verwaltung] Felizenzell. Darüber war die Lehrerwohnung. Direkt neben der alten Schule.

Hast du Erinnerungen ans Haus, an die Wohnung?

Erhard: Die Wohnung war sehr, sehr einfach, das Haus war schäbig. Innen war’s ganz gut, für meine Eltern – und meine Oma war auch noch dabei – war es sicher ein Aufstieg.

Ich erinnere  mich, dass oben kein fließendes Wasser war, herunten war ein Wasserhahn. Aber vielleicht war das nur kurzzeitig so. An was ich mich gut erinnern kann, ist das Plumpsklo. Und statt eines Bades gab’s eine Zinkwanne, die  heute bei uns unten im Garten steht. Samstag war Badetag. – Ende oder Mitte der 1950er Jahre ist dann umgebaut worden und wir haben ein Spülklosett und ein Bad bekommen.

In der Küche war ein Kohleherd. Er ist mit Holz und Kohle geheizt worden. Im Grandl hat man immer warmes Wasser gehabt. 

Mutter, Oma und Vater Rabenseifner


War dein Vater Bayer?

Erhard: Nein. Meine Eltern haben 1939 in Meedl [Kreis Sternberg, in Nordmähren] geheiratet, mein Vater hat immer erzählt, dass es der letzte Friedenssonntag war. – Es war damals üblich, am Sonntag zu heiraten. – In der Früh war noch der Nachbar gekommen und hat g’sagt, er hat im Radio gehört, dass Lebensmittelmarken eingeführt werden.

Die Eltern hatten ein Schlafzimmer, das nie aufgebaut worden ist. Mein Vater hatte schon eine Anstellung für den Herbst. Aber im September war Kriegsbeginn, und er ist gleich eingezogen worden. Mein Vater war Jahrgang 1910. Meine Mutter war Kindergärtnerin, sie ist daheim geblieben ...

Erhard, wie sah Buchbach in deiner Kinderzeit aus? Wohin ging man Einkaufen?

Erhard: Wir haben’s einfach g’habt, wir sind gleich aus dem Haus rausgegangen und dann war da das Geschäft von der Frau [Maria, geb. Ulrich] Haag, in dem man alles bekommen hat. Das war ein kleines Häusl, und zwar dort, wo jetzt der Eingang zur Raiffeisenbank [Marktplatz 4] ist. Und dann gab’s noch beim Zugschwert [Marktplatz 6] und beim Rottenwallner, herüben beim Huber [Marktplatz 5], dort,  wo der [Architekt] K. jetzt ein Haus baut. Ob die Straßen geteert waren, daran kann ich mich nimmer so erinnern.

Warst du beim Vater in der Klasse?

Erhard: Zwei Jahre war ich beim Vater in der Klasse. Das war nicht schön. – In einer Lehrerkonferenz, so hat es mein Vater erzählt, hat der Schulrat alle Lehrer gefragt, wer sein eigenes Kind in der Klasse hat. Einige haben sich gemeldet. Da ermahnte der Schulrat: „Sind Sie streng zu ihnen!“ – Mein Vater hat immer das gemacht, was der Schulrat empfohlen hat.

Als Außenseiter in der Klasse hab’ ich mich aber nicht gefühlt, ich hab’ einen netten Freundeskreis gehabt, wir haben viel unternommen, haben im Wald Häusl gebaut. Es gab Kämpfe, Buchbach gegen Ella-Schwaig. Im Sommer haben wir kein Ferienprogramm gebraucht, wir waren jeden Tag am Fußballplatz [an der Felizenzeller  Straße].


Was wir auch gern gespielt haben, das war „Awalscheiben“ mit Schussern, dazu haben wir mit dem Schuh eine kleine Kuhle gemacht und versucht, mit Schussern hineinzutreffen. – Wir haben uns zu helfen gewusst.  Auch Roller haben wir gehabt, aus Holz. Später kamen dann die mit den Gummireifen.

Dass Buben und Mädel zusammengekommen sind, das hat man damals überhaupt nicht mögen. Da haben der Pfarrer und der Lehrer schon drauf geschaut.

Aquarell von Hermann Rabenseifner „Marktplatz in Buchbach“



Im Winter sind wir Schlitten gefahren und auf dem Bräuweiher Schlittschuh gelaufen.

Hattet ihr Telefon, Radio, Auto?

Erhard: Radio hat für uns eine ganz große Rolle gespielt. Das war ganz toll, ..., die Kinderstunde am Samstagnachmittag. Wir haben mitgemacht bei Preisausschreiben, und mein Bruder hat sogar etwas gewonnen.

Als wir älter waren, gab es am Mittwochabend den Fred Rauch mit seiner Hitparade [„Sie wünschen – wir spielen Ihre Lieblingsmelodien“, eine damals äußerst beliebte Sendung des Bayerischen Rundfunks], das hat man gern gehört. Und dann war halt Fußball.

Telefon haben wir lange nicht gehabt. Später hat mein Vater mit dem Hauptlehrer Vilsmeier – die große Persönlichkeit im Schulleben – in der Schule oben gewohnt, in den zwei Lehrerwohnungen. Da gab’s dann einen Zweieranschluss, Vilsmeiers und wir hatten eine einzige Nummer. Wenn unten einer gewählt hat, konnte man oben nicht mehr telefonieren.

Rabenseifner-Familienfoto


Das war im alten Schulhaus, oben am Hügel?

Erhard: Ja, das war ein Gebäude, das vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde, mit einem Schulsaal und Lehrerwohnungen. Damals gab es noch Lehrerwohnungen erster Ordnung und zweiter Ordnung ...

Ein Auto haben wir lange nicht gehabt, das war bei uns a bissl ein Sonderfall. Auch einen Fernseher haben wir relativ spät bekommen. Wir haben die Samstag-Kultsendungen mit Peter Frankenfeld und [Hans-Joachim] Kulenkampff gesehen, daran kann ich mich gut erinnern.

Wenn wir [in Buchbach] ein Länderspiel anschauen wollten ..., dann hat man gewusst, wer einen Fernseher hat. Da sind wir dann hingegangen und haben gefragt, ob wir [die Übertragung] anschauen dürfen. Zum Beispiel beim Fernseh-Mayer, „beim Uhrmacher Mayer“ haben wir gesagt, da haben wir ferngesehen. In seinem kleinen Laden hat er den Fernseher aufgestellt! Hinter der Theke standen die Erwachsenen und wir Kinder saßen davor. Es war immer gerammelt voll!

An die WM 1954 selbst kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur noch so viel: Dort, wo heute der [Eisenwarenhändler] Schaucher ist, war das Bierdepot vom Bachmayer, das damals bewirtschaftet war. Im offenen Fenster gab’s ein Radio, und draußen sind die Leute im Regen gestanden und haben zugehört.Es hat diese Zuban-Bildchen gegeben – ein Onkel  hat mir die „erraucht“  und in ein Album eingeklebt. Die deutsche Aufstellung hab’ ich rauf und runter sagen können: [Toni] Turek im Tor und [Helmut] Rahn und .... Später konnte ich das dann nicht mehr.

War das die Bachmayer-Brauerei?

Erhard: Nein, die Brauerei war’s nimmer. Die ist vor dem Krieg schon eingestellt worden. Die hatte der Bachmayer [aus Dorfen] vom [Buchbacher Brauer August] Mirtlsperger gekauft. An einen der Mirtlsperger-Brüder kann ich mich noch ein bissl erinnern ...

Beim Greimel war das Café, die haben auch Bier vom Depot gehabt, auch beim Oberen Wirt. [Beim Bachmayer] ist landwirtschaftlich bewirtschaftet worden, hinten war ein Rossstall,  und [an der Veldener Straße] auf der rechten Seite, da war der Kuhstall. Die haben Milchkühe gehabt. Wo heute der Fußballplatz ist, das war Bachmayer-Grund. Und der Wald hinter Kindlbuch, das war das „Bräuholz“, weil es auch dem Bräu gehört hat.

Fahnenweihe am Buchbacher Marktplatz, im Hintergrund der Bachmayer-Wirt (heute: Schaucher)


Kannst du dich an den Religionsunterricht erinnern?

Erhard: Ja, natürlich. Wir hatten zwei Religionsstunden, die der Pfarrer [Martin Wimmer] gegeben hat. In der ersten Klasse hatten wir noch einen Kooperator, der Herr Ko-o-pe-ra-tor. Wir haben zu ihm immer „Griaß Gott, Herr Kopratter“ g’sagt. ... 

Wir hatten einen grünen Katechismus, den hat man auswendig lernen müssen, mit Frage und Antwort: „Wozu sind wir auf Erden?  – (deklamiert) Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihm zu dienen und um einst selig zu werden“, so ungefähr, ganz genau weiß ich’s nicht mehr. Und dann: „Wie oft müssen wir beichten? – (deklamiert wieder) Einmal im Jahr, und zwar zur österlichen Zeit.“ Und in der Aufnahmeprüfung in Freising ... kam die Frage: „Wie oft müssen wir beichten?“ Da hab’ ich hingeschrieben: „Alle 4 Wochen“ (lacht), weil alle 4 Wochen Kinderbeichte war ... alle 4 Wochen! Das ist mir dann aber doch a bissl komisch vorgekommen ... ich hab’s dann durchgestrichen und hab’ „einmal im Jahr“ hingeschrieben.

Gab es eine dritte Religionsstunde? Es gab jedenfalls Kirchengesang in der Kirche. Der Pfarrer ist vorn gestanden, die Organistin – das war die Frau Vilsmeier oder die Luber Anni – war oben auf der Orgelempore. Er hat die Lieder angesagt, und wir haben die Lieder vom Sonntag gesungen. ... Wenn der Pfarrer verhindert war, dann hat das der Hauptlehrer übernommen. Er hat Geige gespielt, das war damals so üblich. Das war dann im Schulsaal oben. Dort war damals die dritte bis achte Klasse untergebracht, und natürlich war es gerammelt voll. Da hat man sich angeeckt, und der Hauptlehrer ist narrisch geworden, wenn keine Ruhe war. Das ... hab’ ich nicht mögen. Dann hat er welche rausgeholt und hat ihnen den Geigenbogen um die Ohrwaschel gehaut. Und das war noch das Harmloseste.

Das [Singen] hab’ ich eigentlich ganz gern mögen, es war schön ruhig. ... Später hat das dann, glaub ich, nimmer eine offizielle Religionsstunde sein dürfen. 

Ihr hattet also schon jahrgangsübergreifendes Lernen. Haben sich dabei die Älteren um die Jüngeren gekümmert?

Erhard: Das war damals nicht so institutionalisiert wie heute, mit Helferdiensten und so. – Die eine Klasse hat z. B. Stillarbeit gehabt aus dem Rechenbuch. Damals gab es keine Disziplinschwierigkeiten. Und für die andere Klasse hat der [Lehrer] an der Tafel etwas Neues gemacht.

...

Das Wirtschaftswunder hat ja erst allmählich begonnen und die Leut’ haben lang geglaubt, dass wieder ein Krieg kommt ...

Erhard: Der Krieg war immer präsent. Ich weiß das halt von meinen Eltern, die viel erzählt haben. Mein Vater hat, im Gegensatz zu manch anderen Themen, viel vom Krieg erzählt. Ich glaub aber nicht, dass er sowas Einschneidendes erlebt hat ... Dann war die Zeit des Kalten Krieges, mit dem Mauerbau, und man hat befürchtet, es könnte wieder losgehen. Ich hab’ schon Angst gehabt vor den Russen, als Bub.


Wie kam es, dass du, wie der Vater, Lehrer geworden bist?

Erhard: Es hat sicher eine Rolle gespielt, dass ich zur Bundeswehr hab’ müssen, da warst du eineinhalb Jahre weg [vom Lernen]. Das Lehramtsstudium war das kürzeste Studium, damit warst du am schnellsten fertig. Außerdem bin ich immer gern umgegangen mit Kindern, da hab’ ich kein Problem gehabt. Sicher war die Entscheidung auch beeinflusst vom Vater, der das gut gemacht hat. ... Am Camerloher Gymnasium [in Freising] hat’s unterschiedliche Lehrertypen gegeben. Im Album haben wir Kinder als Lieblingslehrer den Müller Kurtl neigschrieben, das war unser Deutschlehrer, über Jahre hinweg. Das war schon ein Vorbild.

Was war denn das Beeindruckende am „Müller Kurtl“?

Erhard: Ich erinnere mich zum Beispiel nicht, dass der ein Heft für die Noten gehabt hätte. Bei anderen, wie dem Biologielehrer, ..., da weiß ich noch heut’ die Farb’ von dem Heftl. „Heute fisch ich mir wieder einen!“, hat er immer gesagt. Da hast du das Genick schon eingezogen. Der [Müller] dagegen hat einen lockeren Unterricht gehalten und hat uns auch etwas beigebracht, ohne dass wir dies als Zwang erlebt hätten.

...

Hat sich die Schule verändert, seit du selbst Schüler warst?

Erhard: Sie hat sich sehr verändert. Was haben wir damals in der Schule an Arbeitsmitteln gehabt? Die hat sich der Lehrer selbst basteln müssen.

Hast du ein Beispiel für uns?

Erhard: Der Lehrer hat z. B. eine Landkarte in Form einer Schablone mitgebracht, keinen Stempel. Die haben wir Schüler alle übertragen. Und wir haben tolle Einträge gemacht, zuletzt hab’ ich etwas Vergleichbares auf einer Waldorfschule gesehen. Oder der Lehrer hat Kalenderblätter gesammelt, das war dann unser Anschauungsmaterial. Später, als ich angefangen hab, sind die Arbeitsblätter gekommen, die haben wir verwendet bis zum Exzess. ... 

Arbeitsblätter hat man auch von den Verlagen kaufen können. Oder man hat sich die Arbeitsblätter selber geschrieben. Ich kann mich erinnern, dass der Hauptlehrer – der hat ja noch bis in die Zeit, in der mein Vater Schulleiter war, also als Rentner hat er noch unterrichtet – er hat g’sagt: „Das mit den Arbeitsblättern mach ich nimmer.“ Bei ihm ist halt viel Tafelanschrift gewesen.

Die heutigen Sozialformen, die hat’s halt damals nicht gegeben, das war alles lehrerzentrierter Unterricht, frontal. Später gab es dann Partnerarbeit und Gruppenarbeit.

Wann hast du als Lehrer angefangen?

Erhard: Das war 1972. Man hat angeben können, in welchen Regierungsbezirk man will. Nach Oberbayern reinzukommen, war als Unverheirateter unmöglich. ... Ich hab’ Niederbayern angegeben. Und dort bin ich auch hingekommen. ... In Pfarrkirchen hab’ ich angefangen, hab’ Aushilfe gemacht das erste halbe Jahr. Im Schuljahr [19]72/73 hab’ ich dann eine Klassenführung bekommen, bei Ering am Inn, bei Simbach. Auch in Triftern war ich in der Schule, dort, wo dieses Jahr die Überschwemmung war.

Vorhin hast du gesagt, dass es zu deiner Schulzeit keine Disziplinprobleme gegeben hat. Und heute?

Erhard: Na gut, das war halt damals mit den 45 Kindern, da hat’s diese Probleme nicht gegeben. Beim Hauptlehrer später, glaub ich, auch nicht. – Mei! In meinem Studium: Summerhill! [Summerhill war eine englische Schule, 1921 gegründet von A. S. Neill, als Reformpädagogikprojekt. In Summerhill stand die Freiheit der Schüler im Vordergrund. Die Teilnahme am Unterricht war freiwillig. Neill ging davon aus, dass Kinder lernen wollen und dann auch fleißig sind. In den 1960er Jahren war das Schulkonzept von Summerhill bei den jungen Pädagogen äußerst populär.] Summerhill lässt grüßen, diese antiautoritäre Erziehung, das wollten wir alle ... Später haben wir gemerkt, dass es so nicht geht. Man kann einfach nicht alles ausdiskutieren.

1976 kam Buchbach überregional in die Presse, mit einem Schulstreit. Was war da los?

Erhard: Das kann ich nur aus meiner subjektiven Sicht darstellen. Andere Beteiligte haben dazu vielleicht eine andere Erinnerung.

Es ging um Zensuren. Da war ein junger Lehrer, neu an der Schule, der sehr schülerorientiert benotete. Es gab damals drei neunte Parallelklassen. Da sollten die Noten gerechterweise in allen Klassen einigermaßen abgestimmt sein. Das war aber nicht der Fall. Zudem unterrichtete der Lehrer die Sachfächer epochal. Da wird beispielsweise einige Zeit nur Geschichte, dann wieder nur Erdkunde gehalten. Das war ja durchaus in Ordnung so. Nur hatte der Kollege bis zum Zwischenzeugnis im Februar das Fach Sozialkunde gar nicht behandelt und somit auch keine Note fürs Zeugnis. Und da wurde dann auf einmal die Schulaufsicht tätig. Zu spät! Die Juristen im Kultusministerium legten dann eine Formulierung sinngemäß als Eintrag für das Zwischenzeugnis fest: „Wegen fehlender Leistungsnachweise im Fach Sozialkunde kann keine Note erteilt werden.“ Eine sehr unglückliche Formulierung! Mit dem Zeugnis sollten sich die Schüler ja um eine Lehrstelle bewerben, und es war dabei nicht ersichtlich, wer die „fehlenden Leistungsnachweise“ zu verantworten hatte. Das könnten ja auch die Schüler sein.

Die Eltern lehnten sich natürlich dagegen auf. Es kamen auch noch andere Dinge dazu. Lehrer aus der eigenen Schule mussten die Aufsätze nachkorrigieren, weil sie angeblich zu gut benotet waren. Außerdem wurde allgemein die Benotung durch den Lehrer als nicht angemessen erachtet. Der Fall gelangte in alle Boulevardzeitungen, ins Fernsehen und in den Landtag. Das Kollegium war gespalten. Es war eine sehr heikle Angelegenheit. Ein späterer Schulamtsdirektor sagte mir einmal im Gespräch: „Das hätte nie passieren dürfen!“ Das sehe ich auch so.

...

Uschi, kommst du aus Buchbach? Und: hast du Geschwister?

Uschi: Ich komm aus Ellaberg, das ist drei Kilometer weg. Das war damals eine Dreiöde, inzwischen ist ein Schlossereibetrieb dazugekommen. Ich war das sechste von sechs Kindern.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Uschi: Kennt hat man sich, ich bin ja in Buchbach in die Schule gegangen. Mein Bruder Hans war bei Erhard in der Klasse. Ich selbst hab’ Erhards Vater als Lehrer gehabt.

Du bist Religionslehrerin?

Uschi: Seit 12 Jahren bin ich Religionslehrerin in Teilzeit, man könnte sagen als Spätberufene. Zuerst bin ich Richtung Hauswirtschaft, hab’ Hauswirtschaftsleiterin, Fachlehrer Hauswirtschaft angepeilt. Aber dann hat mich ein Diakon draufgebracht, dass es eine Fachakademie gibt für Religionspädagogik. Das hab’ ich dann eingeschlagen. Aber als ich den Erhard kennengelernt hab, hab’ ich die Ausbildung abgebrochen. Später hab’ ich mir dann, auf Umwegen, die Religionslehrerfertigkeit angeeignet ...

Was ist für dich das Interessante an der Religion, an der Religionslehrerin?

Uschi: Das Religiöse hat mich schon immer interessiert. Ich war lange bei der Landjugend. Ein Bruder von mir hat Theologie studiert und eine Schwester hatte als Zweitstudienfach Religion. Da war das scho a bissl vorgegeben. Wir sind auch religiös erzogen worden, aber nicht streng religiös. Es war wohl vor allem die Jugendarbeit in Buchbach. Ich war dann später auch Vertreterin auf Kreisebene, wo ich weitschichtigere Leute kennengelernt hab.

Was hat dich in der Jugendarbeit so beeindruckt?

Uschi: Das war in erster Linie die Gemeinschaft, das Feeling, das man damals gehabt hat. Es hat auch nicht so viele  Angebote gegeben für die Freizeit, was man hätte machen können. Man ist halt nach der 9. Klasse in die Landjugend gegangen oder man ist fortgegangen zum Tanzen. Da schon meine Schwester in der Landjugend war und mein Bruder, da bin ich halt auch dazu gegangen. Da hat man sich einmal in der Woche zur Gruppenstunde getroffen, hat Spiele gespielt, geratscht oder thematische Abende gehabt. Danach ist man noch gemeinsam weg. – Als ich damals in der Landjugend war, kam der Pfarrer Steinberger nach Buchbach. Der hat einen begeistern, der hat die Leut’ einfangen können.

Zu ihm habt ihr noch Kontakt?

Beide: Ja. Genau.

Religionsunterricht, das ist ein angenehmes Fach für Schüler.

Uschi: Religionsunterricht ist schon ein Vorrückungsfach, und in der Mittelschule kann man es als Prüfungsfach [für den Qualifizierenden Mittelschulabschluss] wählen. Der Leistungsdruck ist vielleicht nicht ganz so hoch wie in anderen Fächern. – Mir ist wichtig, dass die Schüler auch mal Zeit zum Reden haben.


Uschi, du engagierst dich auch in einem Hospiz. Was machst du da genau?

Uschi: Ja, wo fangen wir da an? Beeindruckt hat es mich, als mein Schwiegervater gestorben ist, da waren wir dabei. Das war ein sehr wichtiges Erlebnis für mich, wir zehren eigentlich beide heute noch davon.

Und dann hat man halt gelesen, dass es im Landkreis Mühldorf seit 30 Jahren Hospizarbeit gibt, initiiert durch Dr. [Hans] Dworzak. Ich habe gelesen, dass dort eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter angeboten wird. Vor vier Jahren hab’ ich dann einen solchen Kurs belegt. Das ging ein halbes Jahr, jeweils am Wochenende, in Mühldorf. 

Die Aufgabe selbst? Man begleitet in der letzten Phase des Lebens, auch die Angehörigen. Es ist mehr eine menschliche Begleitung: 


Das ist keine einfache Tätigkeit, mitunter auch belastend, oder?

Uschi: Wir haben das Angebot, einmal im Monat eine Supervision vom Hospiz aus zu bekommen. Und wir können natürlich auch mit unseren Leiterinnen reden. Wir sind ungefähr 30 Hospizbegleiter im Landkreis Mühldorf, darunter drei oder vier Männer. ... 

... Wenn Sie das vollständige Interview mit Erhard und Uschi Rabenseifner lesen wollen, dann können Sie das im Buch "Zeitzeugen. Wir erinnern uns", welches der Heimat- und Kulturverein Buchbach 2016 herausgegeben hat.

 

Während des Interviews
Während des Interviews


Das Gespräch mit Erhard und Uschi Rabenseifner führten Marieberthe Hoffmann-Falk und Hans Prockl am  1. August 2016.

Technik:
Mikrofonie AKG C451C Richtrohr CK8, Sennheiser MKH 416; Rekorder Tascam DR100-MKII PCM; 16 bit; wav